Wort zum Sonntag (21. 06. 2008) Ein unerwarteter Gast

Plötzlich stand er vor der Tür: Gerd. Er begrüßte mich freundlich. Zuerst fielen mir seine hellen Augen und sein leicht gegerbtes Gesicht auf. Als Globetrotter stellte er sich vor. Er suche ein Plätzchen für sein Zelt zum Übernachten. Ziemlich überrascht reagierte ich, steht ja nicht alle Tage so jemand vor der Tür. Ja, er könne wohl für eine Nacht auf unserer großen Wiese hinterm Pfarrhaus bleiben, stotterte ich unsicher. Und ob er sonst noch etwas brauche? Ein paar Scheiben Brot und etwas Wasser wären nicht schlecht. Der Bäcker im Dorf hätte schon zu gehabt, meinte er.
Konnte… sollte ich ihn zum Abendessen einladen? Mein Mann war noch dienstlich unterwegs und unsere kleine Tochter schlief noch nicht. Aber immerhin waren meine beiden großen Söhne ja da. So wagte ich es. „Wenn Sie möchten, können Sie auch mit uns zu Abend essen…“ Einige Minuten später saß er bei uns mit am Familientisch. Wir hatten noch einige Speisen mehr geöffnet und den Tisch auch etwas feierlicher gedeckt als es sonst alltags bei uns üblich ist, aber sonst war alles wie immer.
Obwohl…nein! Eigentlich war es gar nicht wie immer. Denn als Gerd anfing zu erzählen, hörten ihm alle ganz gespannt zu, stellten interessierte Fragen, berichteten von sich selbst.
Viel zu oft kreisen unsere Gespräche sonst um Belangloses. Aber die Offenheit, mit der unser Besucher über sich und sein Leben redete, tat uns allen gut, und so trauten auch wir uns, einander zu öffnen. Viel wusste unser Gast von seinen jahrelangen Fahrradreisen zu erzählen, die ihn schon in weite Teile der Welt geführt hatten. Es war für einige Augenblicke so, als würde ein Stück mehr Leben, ein Stück mehr von dieser großen, weiten, bunten Welt in unser Esszimmer hineinspazieren. Im Nu waren zwei Stunden vergangen. Es ist ein schöner, ein besonderer Abend mitten im Alltag gewesen.
 
Erst danach fiel mir der Bibelvers ein: „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,2) Gerd – ein Engel? Wohl eher weniger… oder vielleicht doch…?! Und doch erinnerte mich dieser Abend an Jesus. Die Bibel erzählt davon, wie er mit Menschen zu Tisch saß. Er lud Außenseiter, Sünder, Kranke und Arme zu sich ein. Bei Jesus gab es keine gesellschaftlichen oder religiösen Barrieren. Nicht umsonst wird das Himmelreich in der Bibel mit einem Tisch verglichen, an dem Menschen aus allen Ländern dieser Welt gemeinsam essen, erzählen und feiern.
Tischgemeinschaft ohne Grenzen, ohne Vorurteile, ohne Abschottung! – Ein schöner Gedanke, wie ich finde. Das Leben kann so spannend und reich sein, wenn ich andere Menschen einlade. Denn dann entdecke ich plötzlich: Ich gebe nicht nur, sondern ich werde reich beschenkt durch meine Mitmenschen. Ihre Art zu denken und zu leben, erweitert meinen Horizont, stellt mich in Frage und lässt mich meine Sorgen in einem neuen Licht sehen. In der Begegnung erkenne ich, wer ich bin und wozu ich bin.
Also, falls bei Ihnen in den nächsten Tagen mal jemand klingelt, schicken Sie ihn oder sie nicht einfach weg! Vielleicht ist es Gerd oder ein Engel oder einfach nur ein Mensch, der mit ihnen Tischgemeinschaft ohne Grenzen sucht.
 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und eine gute neue Woche, Ihre Schulpfarrerin Sandra Kussat-Becker, Ahlbeck.