Entspannen statt immer nur Anspannen
Oder doch nicht? Ist die Idee vom Urlaub wegen der vielen Arbeit längst ad acta gelegt? Und selbst wenn ich mich zu ein paar freien Tagen durchringen konnte, nagt da nicht schon wieder das schlechte Gewissen an mir? Eigentlich müsste ich ja dies und jenes noch tun. Das so lange Liegengebliebene muss auch mal erledigt werden. Schon stehe ich aus meinem Sessel auf, in dem ich es mir gerade gemütlich gemacht hatte, und vorbei ist es mit der Ruhe.
Von einer ähnlichen Situation erzählt eine alte Geschichte. Der Mönch Antonius sitzt mit einigen Freunden zusammen, als ein Jäger vorbeikommt und sich wundert: „Es gibt soviel zu tun und ihr sitzt einfach nur da und erzählt.“ Antonius kommt mit ihm ins Gespräch und fordert ihn auf, einmal seinen Bogen zu spannen. Der Jäger tut das. „Viel zu wenig“, ruft Antonius, „noch mehr spannen!“ Der Jäger folgt einer zweiten und dritten Aufforderung, dann weigert er sich: „Wenn ich noch mehr spanne, zerbricht der Bogen.“ „Genauso ist es mit dem Menschen“, sagt Antonius, „wenn er seine Kräfte übermäßig anspannt, dann zerbricht er.
Er muss entspannen, um anspannen zu können.“
Einfach einmal zu entspannen, als immer nur anzuspannen, rät Antonius dem Jäger. Sonst geht meine kostbare Kraft verloren. Statt überhaupt noch etwas zu schaffen, bin ich matt und müde, werde kribbelig und ungehalten.
Oft gehört viel Überwindung dazu, sich einfach einmal Zeit für etwas Schönes zu nehmen: einen Ausflug, im Haff oder im See baden gehen oder ein Buch lesen. Denn: Eigentlich könnte ich ja noch....
Ich hoffe, dass ich immer wieder den Mut finde, dieses 'eigentlich könnte ich ja noch' zu verdrängen; dass ich in manchen Situationen zu der Einsicht gelange, den Bogen nicht zu überspannen. Ich möchte auch die Freuden des Lebens genießen können, denn das gibt mir Kraft für die Aufgaben, die vor mir liegen.
Pfarrer Stephan Leder, Ueckermünde


