Verantwortliches Handeln

Liebe Leserin, lieber Leser,
 
ich fahre Auto, und ich fahre gern Auto. Und ich kann sagen, ich fahre nunmehr seit 21 Jahren unfall- und fotofrei. Zugegeben, ich habe ein kleines Auto mit wenig PS. Trotzdem fahre ich zügig, aber ich halte mich – fast immer – an die vorgegebenen Regeln. Damit aber bin ich in vielen Fällen ein Verkehrshindernis. Hinter mir zu fahren, sei anstrengend, sagte mir kürzlich jemand. Warum? Weil ich die vorgeschriebenen 50, 80 oder 120 km/h gefahren bin. Das fällt mir nicht immer leicht; wie oft fahre auch ich schneller als erlaubt. Und ich gebe zu, dass ich mich auch über die ärgere, die statt 80 eben nur 68 fahren. Vor allem dann, wenn ich es eilig habe. Aber dann sage ich mir: Bleib ruhig! Du bist immer noch schneller, als wenn du mit dem Fahrrad fahren müsstest, zudem sitzt du trocken und bequem. Und wenn du jetzt riskant überholst, gewinnst du vielleicht drei Minuten – was bringt das?!
 
Nach der Fahrschule und bestandener Prüfung wird uns zugetraut, verantwortlich mit einem Auto zu fahren.
Warum schreibe ich das? Es geht mir um Verantwortung für das, was uns anvertraut ist. Und im Straßenverkehr ist mir nicht allein mein Auto „anvertraut“. Für das Auto kann ich schließlich eine Versicherung abschließen. Ich behaupte: im Zusammenhang mit dem Fahren ist mir das eigene Leben und das Leben anderer anvertraut. Wer riskant fährt, riskiert oft nicht nur das eigene Leben, sondern oft das Leben anderer. Und das finde ich verantwortungslos. Mir scheint, dass gerade im Straßenverkehr viel zu viel geregelt und reglementiert ist. Es soll damit Sicherheit geschaffen werden, gefördert aber wird, so scheint’s, Verantwortungslosigkeit und Rechthaberei: Ich bin ja im Recht! Hier darf ich 240 fahren, ich bin auf der Hauptstraße usw. Und oft wird sich auch dann noch Recht herausgenommen, wo es gar nicht besteht. Die Anzahl der Verkehrsdelikte spricht für sich!
 
Hier ein Gegenbeispiel: In einer Stadt wurde ein Experiment durchgeführt. Alle Straßen sind gleichberechtigt, alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt, das Tempo wird gedrosselt. Auf den ersten Blick bedeutet das mehr Unsicherheit, das Ergebnis aber besagte: mehr Sicherheit, weniger Unfälle, flüssiges Durchkommen statt Stau. Interessant, oder?
 
Mir erscheint der Straßenverkehr wie ein Abbild unserer Gesellschaft, wissend, dass jeder Vergleich hinkt. Es wird viel geregelt und reglementiert. Trotzdem oder deshalb gibt es jede Menge Konflikte, die gerichtlich geregelt werden müssen. Jede/r besteht auf ihr/sein Recht! Und das können wir im Kleinen wie im Großen beobachten. Schon Kinder und Jugendliche kennen ihre „Rechte“ (fragen Sie mal die Lehrer und Lehrerinnen), dabei kommen grundlegende Rechte wie Respekt und Achtung (auch gerade Kindern und Jugendlichen gegenüber) oft zu kurz. Und es besteht doch die Frage: Inwieweit bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Ist es nicht so: Je mehr mir anvertraut ist, desto mehr Verantwortung ist von mir gefordert! Da kann nicht das Recht des Stärkeren gelten, sondern vielmehr das Gebot der Fürsorge! Und was ist uns Wertvolleres als das Leben – das der Kinder oder der Eltern, das aller Menschen (und Tiere) – anvertraut?
Lassen Sie uns darum respekt- und liebevoll miteinander umgehen.
 
Es grüßt Sie
Ihre – nachdenkliche – Dorothea Sattler
(Klinikseelsorgerin in Pasewalk und Ueckermünde)