Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. (1.Petrus 5,5)

Liebe Leserinnen und Leser!
Wenn wir das im Grunde sogar gerecht finden, mögen wir dennoch nicht zu der einen aber auch nicht zur anderen Gruppe gezählt werden.
Für Zeitgenossen, die vorgeben, über allem und über uns zu stehen, entwickeln wir nicht die Spur von Sympathie. Vielmehr meinen wir, mit Recht unseren Trumpf ausspielen zu können, und in der Weisheit alter Sprichwörter unsere Bestätigung zu erfahren:
„Hochmut kommt vor dem Fall.“
Andererseits geht keine Verlockung davon aus, zu den Demütigen gerechnet zu werden. Das klingt so nach Niederlage, Unterwerfung und Selbstaufgabe. Allzumal erscheint die Differenz zwischen Demut und Demütigung in unserer Wahrnehmung als sehr klein.
Wo verläuft die Grenze zwischen Demut üben und Verlierer sein? Schließlich leiden wir immer wieder darunter, dass wir von anderen gedemütigt werden. Geradezu ohnmächtig stehen wir dem Phänomen gegenüber, dass sich Menschen in Wirtschaft und Politik, aber auch in Familie und Bekanntschaft dadurch profilieren, dass sie andere erniedrigen. Da vergeht einem jede Lust darauf, demütig zu leben.
Das provoziert eher den Wunsch, die eigene Größe zu propagieren. Die Menschheit hat in dieser Hinsicht drei Maxime aufgestellt, gepflegt und verteidigt sie genau genommen wider besseres Wissen bis heute:
1) Die Erde und der Mensch sind Mittelpunkt der Welt;
2) der Mensch ist Krone der Schöpfung oder das Höchste, was die Natur hervorgebracht hat;
3) der Mensch ist Herr seiner selbst und frei, zu tun allein, was er will.
Diese Selbstbetrachtung hat unverkennbar Züge des Hochmutes und der Überheblichkeit. Wir lieben es, uns so zu sehen und vor allem uns so zu bewegen unter unseresgleichen, gegenüber Gott und der ganzen Schöpfung.
 
Sind wir vor dem Fall? Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat behauptet, dass die Menschheit im Laufe ihrer jüngeren Geschichte drei tiefgreifende Demütigungen erlitten hätte:
1) Kopernikus hat die Sonne in die Mitte und den Menschen an den Rand versetzt, ihn vom Thron der Wichtigkeit in die Niederungen der Winzigkeit hinabgestoßen.
2) Mit Darwins Evolutionstheorie verlor der Mensch seine herausragende Würde und erfuhr die Einordnung als hochentwickeltes Säugetier, als nackter Affe mit aufrechtem Gang.
3) Und Freud selber sprach ihm dann auch noch den freien Willen ab, legte ihn auf ein Dasein als Sklave von Trieben, Traumata und unentrinnbaren Prägungen fest.
 
Nehmen wir Freud beim Wort, dann dürfte uns eines klar sein: Demütigungen bringen keine Demut hervor! Sich in Demut, Ehrfurcht, Achtung vor den Menschen, vor Gott und dem Leben überhaupt zu üben, ist eine unserer großartigen Begabung, die ihre Grundlegung im biblischen Menschenbild hat:
Wir sind Geliebte vor Gott und den Menschen, obgleich wir so klein und unvollkommen im Sonnensystem, als physisches Wesen, in unserem Denken, Handeln und in unseren Beziehungen zum Anderen sind. Diese Demut als liebevolle Antwort auf das Geschenk des Lebens steht uns wirklich gut zu Gesicht, verleiht Würde!
 
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pastor
Rainer Schild