Überwinde das Böse mit Gutem!

Liebe Leserinnen und Leser!
 
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Römer 12,21). Manchen Worten kann man nur schwer ausweichen. Der Wochenspruch für die kommende Woche ist ein solches Wort. Denn das Böse beschäftigt uns. Es vergeht kaum ein Tag, ohne damit konfrontiert zu werden im persönlichen oder öffentlichen Leben.
Wenn wir direkt betroffen sind, weil uns persönlich Gewalt angetan wurde oder wir einem Betrug zum Opfer fielen, dann wächst in uns der Zorn, ein gerechter Zorn. Manchmal fühlt es sich an, als könnten wir unseren Frieden erst wiederfinden, wenn wir Genugtuung erlangt haben und der Täter eine Lektion bekommen hat. Man sagt: „Die Rache ist süß!“.
 
Ein Beispiel: Alltag auf deutschen Straßen; du sitzt am Steuer deines Wagens, rollst ruhig in der Autoschlange mit. Es hat keinen Sinn zu überholen. Du siehst in den Rückspiegel. Da springt einer hektisch von Lücke zu Lücke. Jetzt ist er direkt hinter dir. Minutenlang klebt er fast an deinem Kofferraum, betätigt die Lichthupe, gestikuliert. Du wirst nervös, fühlst dich bedrängt und bedroht. Plötzlich schert er aus, steht neben dir. Und du: Ganz leicht gibst du Gas, dein Sicherheitsabstand zum Vordermann schwindet dahin, kaum Platz noch zum Einordnen für den anderen. Gegenverkehr! Der Überholende bremst scharf, schafft es in letzter Minute an seinen Platz hinter dir zurückzukehren. Befriedigt schaust du in den Spiegel. Man sagt: „Die Rache ist süß!“.
 
Aber: Rache ist gefährlich. Wer sich ihr hingibt, riskiert, dass der andere furchtbar Schaden nimmt an Sachen, Leib und Seele. Und gefährlich ist sie auch für den Rächer selbst: Macht er sich strafbar, folgt die Strafe: Geldbuße, Gefängnis. Am Ende bleibt nur Bitterkeit.
Wenn das Gesetz der Rache zur Herrschaft käme: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, nicht auszudenken wären die Folgen für das Zusammenleben. Wenn jeder jedem alles heimzahlen würde, gäbe es zum Schluss nur noch Opfer und Verletzte. Und frei atmen kann in solchem Klima niemand mehr.
Die Bibel gibt uns deshalb zwei Hinweise: (1) Dem Bösen zu wehren, ist Aufgabe des Staates. Er soll der Gewalt ein Ende setzen.
(2) Uns Bürgern jedoch legt die Bibel dringend ans Herz: Seid wachsam, aber zahlt nicht mit gleicher Münze zurück, lasst euch nicht von Rachegefühlen leiten, sondern überwindet das Böse mit Gutem, setzt auf Freundlichkeit, Güte und Besonnenheit! Tut etwas, was den Gegner, den „Bösewicht“ überrascht; tut etwas, womit er nicht gerechnet hat. Beschämt ihn durch euer Verhalten, und vielleicht wird er sich eines Tages ändern. Den Versuch ist es wert, immer wieder.
Der Raser auf der Fernverkehrsstraße hat vielleicht gar nicht bemerkt, dass du deinen Zorn überwunden und ihm die Möglichkeit gegeben hast, sich nach dem Überholen vor dir einzuordnen. Du aber hast etwas Gutes getan, etwas, was dem Frieden dient. Und du hast damit vielleicht Menschenleben gerettet!
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, ein Gedanke, den man so schnell nicht vergisst. Und das ist gut so!
 
Ihr
Superintendent
Andreas Haerter