"Den Grund gefunden." - Gedanken zum Reformationstag
Wieder einmal ist viel von Reformen die Rede. Ob das Weltfinanzsystem oder die heimische Wirtschaft, ob das Bildungswesen oder das Grundgefüge unserer Gesellschaft: Alles muß auf den Prüfstand, alles bedarf neuer Regeln und einer gründlichen Verständigung über die Zukunft. Selbst in der Kirche ist das so.
Was heißt aber Reform oder, umfassender, Reformation? Haben Leute wie Martin Luther sich damals gedacht: Wir probieren einfach mal was Neues aus; Hauptsache, es funktioniert? Nein, das gerade nicht! Sondern man stieß wieder zum Grund der Sache vor. Warum gibt es überhaupt christliches Glauben und Hoffen, warum gibt es das Engagement der Nächstenliebe, warum gibt es Mahnung und Geleit auch für das öffentliche Leben? – kurz: Warum gibt es Kirchen?
Der Grund dafür, so erkannten die Reformatoren mit weltumstürzender Gewißheit, ist Gottes eigener Wille, wie er allein in Jesus Christus deutlich wird, wie ihn allein die Bücher der Heiligen Schrift bezeugen.
Gut hundert Jahre nach ihnen dichtete Paul Gerhardt: „Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus.“ (EG 351,3), und beim Herrnhuter Lehrer und Pfarrer Johann Rothe heißt es: „Ich habe nun den Grund gefunden, der meinen Anker ewig hält … Es ist das ewige Erbarmen, das alles Denken übersteigt.“ (EG 354,1.2)
Diese Rückbesinnung auf den Grund heißt Reformation. Mit einer solchen Denkweise sind wir auch heute gut beraten.
Wofür gibt es eigentlich einen weltweiten Finanzhandel? Was sind denn die tragenden Säulen und Ziele der Wertschöpfung hierzulande? Weshalb müssen Kinder überhaupt zur Schule? Und weshalb ist es so unausweichlich, uns in Europa füreinander zu interessieren und miteinander das Leben zu gestalten?
Nur, wer gründlich denkt und urteilt, kann schließlich Änderungen bewirken, die den Namen Reform auch verdienen.
Möge der kommende Feiertag uns Gelegenheit sein, miteinander innezuhalten und uns auf den Grund zu besinnen – den Grund des Lebens, den Ursprung unserer Zukunft.
Pfarrer Matthias Jehsert, Retzin


