Schuld, Gericht, Gerechtigkeit

„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voller Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du, Gott, tust deine Augen auf über einen solchen, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.“
so heißt es in einem Bibeltexte für den kommenden Sonntag. (Hiob 14, 1-3)
 
Auch der Mensch ist der Vergänglichkeit aller Dinge in der Natur unterworfen. In diesen Novembertagen voller Nebel und Nässe, an deren Ende der Totensonntag steht, werden wir daran erinnert. Doch die Bibeltexte sagen: Gott sei Dank ist das so.
Es ist tröstlich zu wissen: Am Ende steht Gottes Gericht und seine alles umfassende Gerechtigkeit. Nichts wird vergessen. Nichts wird egal sein im Leben. Auch wenn es so aussieht, als gingen wir den Weg alles Vergänglichen – wie die Blumen und die Gräser auf den Feldern – so bleibt beim Menschen die Frage nach dem Ergebnis, nach den Früchten seines Lebens.
 
Am 09. November vor 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Auch in unserer Region wurden Juden verhaftet und gequält, Gotteshäuser und Friedhöfe verbrannt und geschändet. Das Geschehen der Reichspogromnacht leitete den Beginn des Völkermordes an den Juden ein. In den Gottesdiensten am morgigen Sonntag wird dieses Gedenken eine Rolle spielen.
Das „Tausendjährige Reich“ dauerte - Gott sei Dank – nur wenige Jahre.
 
Die evangelische Kirche formulierte 1945 gleich nach Kriegsende die Schulderklärung von Stuttgart, in der es heißt:
„Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden ... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“
 
Die Erfahrungen, die in der Bibel gebündelt worden sind, besagen:
Es ist gut, dass alles einmal ein Ende hat.
Es ist gut, dass unser Leben begrenzt ist, dadurch wird es wertvoll.
Es ist gut, dass unsere Zeit begrenzt ist, dadurch wird sie wichtig.
Es ist nicht egal, was wir damit anfangen, denn wir werden am Ende nach dem Ertrag gefragt werden.
Wir vertrauen darauf, dass Gottes Gerechtigkeit sich nicht trennen läßt von seiner Barmherzigkeit, denn so haben wir es kennengelernt in dem wichtigsten Gebet, das Jesus Christus uns hinterlassen hat.
Wenn wir zu Gott sprechen, dann gehört zu der Bitte „ und vergib uns unsere Schuld“ unmittelbar dazu: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Beides gehört untrennbar zusammen. Dann kann menschliche Gemeinschaft gelingen.
 
Pfr. Thomas Kurth, Hetzdorf