Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe! (Phil.4,4f)

Da werden Vernunftmenschen wie Sie und ich, Leute, die Zeit, Geld, Familie, ihr ganzes Leben, ja selbst Weihnachten bis ins Detail planen, Menschen, die gewohntermaßen in logischen Zusammenhängen denken, aufgefordert: lasst Euren Gefühlen, Euren Emotionen freien Lauf!
Unbändig ist sie, nicht steuerbar; sie überkommt uns einfach, macht Gänsehaut, treibt Wasser in die Augen, verzaubert festgefahrene Situationen; betrifft Herz und Seele, geht oft sogar durch den Magen – ja, das ist sie, diese Freude, von der Paulus den Christen in Philippi schreibt, um so etwas wie eine Initialzündung auszulösen.
 
Und solche Herausforderung trifft uns sozusagen in „vollem Galopp“. Wer gestern durch die weihnachtlich erleuchteten Stadtzentren eilte oder tatsächlich bummelte, wer seinen Einkaufswagen genervt durch die mit Warenpaletten und Menschen überfüllten Supermarktgänge manövrierte, sich über lange Schlangen, schiefe Tannenbäume, fehlende Parkplätze und so vieles andere ärgerte, der schaute beständig in die Gesichter seiner Mitmenschen. Und was für welche – hochkonzentriert, vom Einkaufszettel gebannt, versteinert, von hektisch suchenden Augen geprägt, abwesend und abweisend!
Gott Lob – Sie haben auch ganz andere Erfahrungen gemacht: die Kassiererin, über deren Gesicht mitten beim Scannen ein Strahlen huschte, weil die Bekannte fragte, ob denn ihre Kinder diesmal zu Weihnachten kämen. Das ältere Ehepaar, das mitten in der Einfahrt zu den letzten freien Parkplätzen auf seinen vollen Einkaufswagen gestützt, durch die heruntergekurbelte Seitenscheibe überglücklich und in aller Ruhe mit dem Fahrer eines verkehrshemmend haltenden PKW über Festtagspläne plauderte.
Und Ihr Antlitz, liebe Leser, in solchen Momenten? Hätten Sie einen Spiegel aus der Tasche gezogen, was, oder fragen wir lieber, wen hätten Sie zu sehen bekommen?
 
Ich gebe Ihnen durchaus Recht: die Weihnachtsfreude lässt sich nicht verordnen, wir können die Augen nicht verschließen vor einsamen Nachbarn, Hunger, Krieg, Rezessionsangst, Todesschmerz, vor Kindern zwischen elterlichen Fronten, Mord und Totschlag. Am vierten Advent lässt sich nicht einfach ein Schalter umlegen und die Freude ist da.
Aber wir stehen drei Tage vor dem Christfest an den Schaltstellen. Es braucht bei uns Verstand, Vernunft, liebevolle Ideen, herzliche Gedanken, um Freude zu bewirken: jedes Geschenk unterm Weihnachtsbaum zielt darauf, jedes Opfer BROT FÜR DIE WELT in den Christvespern, unsere Weihnachtspost, die Telefonate an den Festtagen, das Zusammensein unserer Familien beim Feiern, Weihnachtslieder miteinander gesungen, die Geschichte der Christgeburt einander vorgelesen!
Das ist erst einmal die Freude, die wir austeilen, weitergeben anderen wünschen und vermitteln!
Jedoch die Freude für uns selbst, mein ganz persönliches Weihnachten, liegt jenseits von Vernunft, Planung und Kalkulation. Oft ist es wohl nur wie ein überraschendes, flüchtiges Strahlen auf meinem Gesicht, das mir unvermittelt und unverhofft zu Herzen geht. Da, wo mir ein Mensch, ein Wort, ein Klang, eine Erinnerung, eine Berührung unter die Haut geht, dass ich es wirklich spüre: DER HERR IST NAHE!
 
Einen gesegneten vierten Sonntag im Advent und ein freudenreiches Christfest wünscht Ihnen Ihr Pastor
Rainer Schild