Neues Leben keimt hervor
Im Wochenspruch für die neu beginnende Woche steht: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh.12,24) Der Wochenspruch hat aus dem vielgestaltigen Prozess von Werden, Wachsen und Vergehen nur einen kleinen Ausschnitt herausgenommen: die Saat des Korns und das Herauswachsen des neuen Keims aus der vergehenden Hülle des gesäten Korns. Dieses Bild spricht für sich: Aus dem, was stirbt, entsteht etwas Neues, das ein Vielfaches an Frucht mit sich bringt.
Dieses Bild ist so einleuchtend, dass wir es auf Vieles in unserem Leben anwenden können: Wie Abschiede auch zugleich ganz neue Erfahrungen ermöglichen… Wie aufopfernde Fürsorge für einen Menschen zugleich das Beste in uns selbst zutage fördert… Wie neu geschenkte Gesundheit eine ganz neue Sicht auf das Leben eröffnet...
Der Wochenspruch an diesem Sonntag Lätare (lat.="Freue dich (,Jerusalem)!" - aus Jes.66,10) führt uns aber auch ganz hinein in die Passionszeit – die Zeit der Erinnerung an Jesu Leiden und Sterben. Denn der Evangelist Johannes, von dem dieser Bibelvers stammt, bezieht diese Aussage auf Jesus, seinen Tod und die Wirkung seines Todes an uns Menschen. Der Tod Jesu ist zu etwas nütze, erklärt der Evangelist, denn er dient letztlich dem Leben.
Jesus hat Zeit seines Erdenlebens von der Liebe Gottes erzählt und wahre Nächstenliebe vorgelebt. Diese Liebe hält er – obwohl von seiner Umwelt missverstanden und verlacht – durch bis ans Kreuz. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk.23,34), so betet der Sterbende für seine Peiniger. Er wird Fürsprecher für die, die ihn verspotten, ihn körperlich und seelisch fertig machen. Jesus hört nicht auf zu lieben. Damit wird seine Botschaft glaubwürdig. Das Kreuz wird zum Zeichen der Liebe, der Versöhnung und des Lebens.
Immer wieder haben Künstler Jesu Kreuz daher als Lebensbaum dargestellt. Als toten Stumpf, aus dem ein grüner Zweig wächst – ein ähnliches Bild wie im Wochenspruch. Sie verdeutlichen damit: Ohne Jesu Leiden am Kreuz wäre jeder mit seinem Leiden allein. Durch das Kreuz ist Gott gegenwärtig, wo Menschen leiden. Ohne den Tod Jesu am Kreuz wäre unser Glaube unglaubwürdig. Durch das Kreuz ist er ein tragfähiges Fundament im Leben und im Sterben. Und nicht zuletzt: Das offenkundige Unrecht – nämlich dass Jesus am Kreuz sterben musste, obwohl er nichts Böses getan hatte – fordert uns heraus, trotz allem Unrecht und Unheil dieser Welt, die Hoffnung und den Mut nicht zu verlieren.
Denn auch Jesus blieb nicht im Tod, sondern wurde von Gott zu neuem Leben erweckt. Das weckt die Hoffnung, dass das Leben gewinnt, und macht Mut, einzustehen für Gerechtigkeit, Liebe und gegen die alles Leben zerstörende Gewalt – eben für Leben, das – oh Wunder! – immer wieder neu hervorkeimt – und sieht der Stumpf oder das Korn auch noch so tot aus…
Jesu Tod ermöglicht ganz neues Leben aus Gott. Leben, dem die Befreiung von aller drückenden Schuld zugesagt ist. Leben, das wachsen kann, wie der Halm, der viel Frucht trägt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete neue Woche mit viel Mut und neuer Hoffnung,
Ihre Schulpfarrerin Sandra Kussat-Becker


