Ein besonderer Platz

Der Wecker klingelt. Müde tastet er danach und quält sich aus dem Bett. „Und das im Urlaub“, denkt er, als er in Shirt und Hose schlüpft. „Was tut man nicht alles für die Entspannung am Pool.“ So greift er nach den beiden Handtüchern, die schon parat liegen, und macht sich auf den Weg. Schnell die Handtücher über zwei noch freie Liegen geworfen und schon kriecht er wieder unter die Bettdecke …
 
„Nun komm doch endlich. Wir müssen uns beeilen, schließlich haben wir keine reservierten Plätze.“ Am Konzertsaal angekommen, sehen sie, wie sich die Menschenmenge hineinschiebt. „Ob das gutgeht?“ Nach schier endlosem Gedränge sind sie endlich drin. Die Blicke schweifen hin und her – „Da sind noch zwei gute Plätze. Geschafft. Jetzt ist der Abend gerettet.“ …
 
„Ferienbeginn, na das wird voll werden im Zug. Da besorge ich mir doch lieber eine Platzkarte. Hoffentlich bin ich mit ein paar vernünftigen Menschen im Abteil. Na, Hauptsache nicht stehen.“ …
 
Drei Situationen, in denen es darum geht, an einen guten Platz zu kommen.
In der Bibel wird von zwei Menschen erzählt, die auch gerne so einen hätten. Jakobus und Johannes kommen zu Jesus und bitten ihn im Himmel links und rechts von ihm sitzen zu dürfen (Mk 10,35-45). Es geht den beiden um ganz besondere Plätze. Jesus lehnt ihren Wunsch nicht generell ab, doch es liegt nicht an ihm, diesen zu erfüllen. „Ich kann darüber nicht entscheiden“, sagt er und fragt sie damit gleichzeitig, ob es wirklich im Leben darauf ankommt, wie gut der Platz ist, den ich mir besorge oder erkämpfe.
 
Nichts gegen einen bequemen Sitz- oder Liegeplatz, schließlich soll ich mich auch einmal wohlfühlen dürfen. Aber verliere ich bei einem allzu großen Drang danach nicht die Menschen aus dem Blick, die keine Liege, keinen guten Platz im Konzertsaal oder nur einen Stehplatz im Zug bekommen? Und was ist mit denen, die über solche Möglichkeiten nicht einmal nachzudenken wagen?
Worauf es ankommt, so Jesus, ist, die „anderen“ im Blick zu behalten. Es ist ihm wichtig, Menschen zur Seite zu stehen, für sie da zu sein, und dabei nicht nur auf die möglichen eigenen Vorteile zu sehen.
Gott entscheidet, wo mein Platz ist, und eines weiß ich jetzt schon: Er hat ihn selbst für mich reserviert. Jesus starb für mich am Kreuz und wurde auferweckt, damit ich leben kann.
 
Pfarrer Stephan Leder, Ueckermünde