Wahlentscheidungen

Liebe Leserinnen und Leser!
 
Dieser Sonntag trägt mit „Misericordias Domini“ einen überaus wohlklingenden Namen. Damit meine ich nicht nur die lateinische Aussprache. Ebenso die Übersetzung „Barmherzigkeit des Herrn“, wie all die Gedanken und Bilder, die wir assoziieren, wenn wir ihn von den zugeordneten Bibeltexten her liebevoll 'Hirtensonntag' nennen.
 
Ein paar Wochen noch, dann werden sich uns wieder einmal von Laternenmasten, Plakatwänden und Postwurfsendungen Kandidaten verschiedenster Couleur als Hirten des Volkes anbieten. Mit welchen Erwartungen sehen sich die Bewerber konfrontiert: Jung und dynamisch, zugleich erfahren und vor allem für die Jugend, aber insbesondere für die Älteren engagiert möchten sie schon sein. Ein ausgeprägtes Engagement für den Heimatort und Offenheit für eine enge Zusammenarbeit in der Region würden gewünscht.
Superwahljahr 2009 – Kommunalwahlen, Bundestag, Gemeindekirchenräte:
Dieser Petrus, ob er wohl eine Chance hätte, gewählt zu werden? Hören wir doch, wie er den Hirtendienst beschreibt:
 
Weidet die Herde Gottes bei euch – achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, so wie Gott es gefällt; nicht gewinnsüchtig, sondern von Herzensgrund; auch nicht als Herren über die Gemeinde (die über ihre Pfründe verfügen), sondern als Vorbilder für die Herde. Dann werdet ihr auch, wenn der Erzhirte erscheinen wird, mit einem unverwelklichen Kranz von Herrlichkeit geschmückt werden. (1. Petr. 5,2-4)
 
Eine Gemeinde in der Bedrohung und Verfolgung empfängt diese Briefzeilen. Denken wir vielleicht gerade an unsere Gemeinden – mancherorts ganz schön in der Krise und Bedrängnis, finanziell am Ende, zerrissen im Streit, uneins über ihren Weg und Platz im Leben der Menschen. Ja, Menschen leiden an den Verhältnissen; Gemeinden an ihren Hirten, aber auch umgekehrt. Doch unserem Selbstmitleid lässt Petrus keinen Raum. Unmissverständlich macht er klar: Leiten wird mit „T“ wie Treue geschrieben und nicht mit „D“ wie Drangsal.
 
Mir gelten demokratische Grundstrukturen in Gesellschaft und Kirche als kostbares Gut. Schließlich habe ich gut die Hälfte meines bisherigen Lebens hindurch undemokratische politische Verhältnisse wahrgenommen und all zu oft an ihnen gelitten. Jeder Ruf nach dem starken Mann, nach Machtfülle Einzelner, lässt mich von daher hellhörig und vorsichtig werden.
Doch ganz anders ist es mit den Worten des Petrus: Es versetzt mich ganz und gar nicht in ahnungsvolle Unruhe, wenn er nach Hirten ruft. Ich habe keine Angst davor, zu willenlosem Stimmvieh gemacht zu werden, wenn Christus seine Herde von Hirten weiden lassen will. Schließlich ist er es doch, der für mich auch das Letzte gegeben hat. Und das macht die Qualität seines Hirtendienstes aus: Er bannt nicht nur die Gefahr des Augenblicks, sondern er verantwortet gleichermaßen die Zukunft der Anvertrauten.
 
Liebe Lesergemeinde! Wir sind nicht irgendwer. Wir sind die Herde Gottes!
Wir kommen einfach nicht los von dem Bild der Schafe.
Vordergründig haben wir wie die Schafe nichts Eindrucksvolles, Mächtiges, Überzeugendes vorzuweisen: nicht die heile Welt unserer Gemeinde und Kirche; keine Weltanschauung, die mit ihrer Schlüssigkeit alles andere in den Schatten stellt. Wir können auch nicht darauf verweisen, dass Krankheit, Leid und Not an uns vorbei gehen; dass alles unter den Namen des Herrn Gestellte gelingt.
Wir kommen einfach nicht los von dem Bild der Schafe.
Wir sind so schlecht gar nicht dran, wenn wir uns selbst und der Welt eingestehen können, dass wir den Dienst des Hirten und den Schutz der Herde brauchen. Ein solches Eingeständnis stürzt uns keineswegs sofort in Selbstzweifel und Identitätsverlust.
 
Leiten, dienen – wie Jesus es will: Soll ich meiner Schwester, meines Bruders Hüter sein!?
Ja – freiwillig und nicht unter Zwang; ja – aufopfernd und nicht aus Berechnung; ja – zukunftweisend und nicht aus Machtgier.
 
Wenn wir heute - bald zweitausend Jahre später - die eindringlichen Worte des Petrus lesen, spüren wir, wie sehr wir selbst solche Hüter des Lebens, der Gemeinde und des Glaubens nötig haben.
 
Einen behüteten Sonntag wünscht Ihnen
Ihr Pastor Rainer Schild