Rüdiger
Rüdigers Vater war früher Offizier der Nationalen Volksarmee, aber er ist nicht in die Bundeswehr übernommen worden und wollte das auch gar nicht.
Wir hatten während dieser Umschulkurse harte, aber gute Gespräche, die wohl ein Gewinn für die ganze Kursgruppe waren.
Zwei Dinge haben mir an Rüdigers Eltern gut gefallen: Sie waren die einzigen, die noch zu einer marxistischen, kommunistischen Überzeugung standen. Und das war viel mehr als DDR-„Nostalgie“.
Und sie haben ihren neuen Beruf, den sie ansteuerten, sehr ernst genommen. Das war keine Notlösung für sie, um Zeit zu überbrücken, oder um überhaupt etwas zu haben. Nein, sie wollten viel lernen, viel verstehen, sich ganz in die Altenpflege einbringen.
Auch Religion interessierte Rüdigers Eltern sehr. In einem Praktikum hatten sie gemerkt, „wie viele alte Menschen sich mit religiösen Fragen beschäftigen und zur Kirche gehen“, so hatte es Rüdigers Vater einmal formuliert. „Ich möchte mitreden können, wenn ich in religiöse Gespräche verwickelt werde.“
Rüdigers Eltern kamen auch gelegentlich in den Gottesdienst, - "informationshalber“. Rüdiger war damals 12 Jahre alt und kam manchmal mit - auch „interessehalber“, denn die Eltern hatten zuhause manches aus dem Umschulkurs weiterdiskutiert und ihn damit neugierig gemacht.
Als wir im Gottesdienst zum Konfirmandenunterricht einluden, beschloss Rüdiger: „Da geh´ ich mal hin, mal kucken, was noch so los ist.“
Seine Eltern hatten nichts dagegen: „Mach ruhig, dümmer kannst du nicht werden.“, soll sein Vater damals gesagt haben, aber es war freundlich gemeint: „Es gehört zu einer guten Bildung, etwas mehr über Religion zu wissen.“
Rüdiger blieb im Konfirmandenunterricht. Später fuhr er auch zu thematischen Wochenendausflügen und zu Jugendgottesdiensten mit. „Dann lungert er wenigstens nicht auf der Straße herum.“, war der Kommentar seines Vaters dazu, und wieder war es freundlich gemeint: „Es ist doch gut, wenn sich Kirche so um junge Leute kümmert und dabei nicht nach dem Taufschein fragt!“, hatte Rüdigers Vater sogar im Umschulkurs anerkennend geäußert. Und, mit einem entschuldigenden Seitenblick auf mich: „Dass das keine Bauernfänger sind, so wie die Sekten, davon habe ich mich natürlich vorher überzeugt!“
Rüdiger ist jetzt 14 Jahre alt. Er will sich taufen lassen, genau wenn die anderen aus seiner Gruppe Konfirmation feiern. Rüdiger sagt: „Ich will nicht immer nur denken müssen, was Christsein für irgendjemanden bedeutet, ich will selber Christ sein. Vielleicht bin ich´s schon!“
Die Taufe, die wir jetzt vorbereiten, ist für Rüdiger wichtig: „Gast sein kann ich immer, weiß ich, und mir alles mögliche Gute sagen lassen, aber ich will auf Dauer dabeibleiben und das auch zeigen!“, so hat er seinen Wunsch begründet.
Eine Begegnung mit Rüdigers Eltern habe ich seit seinem Entschluss noch nicht gehabt. Rüdiger sagt, sie wären jetzt doch „geplättet“ gewesen. Und eilig hat er hinzugefügt: „Aber ich hab´ ihnen gleich gesagt: Das geht nicht gegen euch!“ Ich glaube ihm das, und ich hoffe, seine Eltern glauben´s ihm auch. Ich bin sehr gespannt auf ihre Reaktion, auf ihre Reaktion jetzt, und wie es weitergeht: mit Rüdiger und mit ihnen.
Soldatenseelsorger Pfr. Bodo Winkler


