Auszeit

„Geschafft!“ sagt Hannes. Und in diesem Wort klingt viel Erleichterung und Freude mit. Hannes hat endlich seine letzte schriftliche Prüfung hinter sich. In ein paar Wochen, da kommt noch eine mündliche Prüfung. Aber das ist nicht so schlimm und außerdem noch Tage hin. Bis dahin hat er jetzt erst einmal Zeit.
Aber was macht er jetzt bloß mit dieser Zeit?
Viele Schüler werden sich in diesen Tagen mit ähnlichen Gedanken beschäftigen. Auch die Erwachsenen kennen solche Zeiten: Da ist ein wichtiges Ereignis vorbei, ein besonderes Fest etwa, ein großer Arbeitsauftrag in der Firma, eine Zeit im Krankenhaus, ein Lebensabschnitt voller Anspannung und Anstrengung. Und nun weiß man noch nicht, was als nächstes kommt. Ein neues Ziel steht noch nicht vor Augen. Zeit im Leerlauf. Wartezeit, vielleicht sogar eine Zeit mit Langerweile?
 
Im Kirchenjahr ist jetzt solch eine Zeit. Es ist die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Seit Himmelfahrt ist Christus ganz bei Gott. Er ist für seine Freunde nun nicht mehr sichtbar und greifbar. Eine wichtige Zeit ist für sie nun vorbei. Wie wird es nun weitergehen? Es ist noch völlig unklar. Erst einmal ist gar nichts angesagt.
Nein, nicht ganz, denn Jesus sagt seinen Freunden zum Abschied: „Ihr aber sollt in der Stadt (Jerusalem) bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe" (Lk.24,49b), mit Gottes lebendigem Geist. Das geschah dann zehn Tage später zu Pfingsten.
 
Aber bis dahin mussten sie warten. Für die Freunde Jesu war es vielleicht eine sinnlose, langweilige Wartezeit. Aber diese Zeit war wichtig für sie. Denn das Vergangene musste sich erst einmal setzten. Sie waren noch gar nicht bereit für Neues. Immer nur von Höhepunkt zu Höhepunkt zu eilen ist gar nicht gut. Nur in Anspannung und Aktion zu leben, geht gar nicht.
Wir brauchen auch Zeiten, in denen mal nichts ist.
 
Jesus hat seinen Freunden diese Zeit verordnet. Jetzt im Kirchenjahr wird uns diese Zeit „verordnet“. Wir werden daran erinnert:
Wartezeiten sind wichtig. Selbst Langeweile ist mal nötig für uns. Im Hintergrund geschieht in solchen Zeiten mit uns mehr als wir ahnen.
Wir brauchen solche Aus-Zeiten. Gott gesteht sie uns zu. Und wir selber dürfen sie uns auch zugestehen.
 
Matthias Bohl, Zerrenthin