Urlaub - Zeit, zu sich zu kommen?
Ich bin nicht, der ich sein will, und der ich bin, will ich nicht sein,
mein Leben ist ein Chaos, sieh das doch endlich ein. “
Wohl auch wegen dieser sehr ehrlichen Aussagen, in denen sich viele junge Menschen wieder erkennen, ist das Lied von der Gruppe „Ich und Ich“ so erfolgreich auf den Radiosendern zu hören. Es schildert ein Lebensgefühl, das Viele kennen. Nicht nur junge Menschen sind auf der Suche nach der eigenen Identität, nach dem eigenen Ich. Das dauert ein Leben lang an. Die Fragen: 'Welches ist nun das Leben, das mir zugedacht ist, das nur ich führe; wo finde ich dies und wie finde ich es', bewegen viele Menschen.
Die Religionen geben Hinweise und Antworten auf diese Fragen.
Alle großen Religionen raten uns zunächst einmal, dem natürlichen Lebensrhythmus nachzuspüren. Also einen guten Rhythmus zu finden zwischen Aktivität und Passivität. So wie wir einatmen und ausatmen, schlafen und wachen, so brauchen wir auch die Gesellschaft anderer ebenso wie das Alleinsein. Um zu sich selbst zu finden, brauchen wir Zeiten der Ruhe und des Alleinseins.
Wir werden uns auch im Urlaub nicht erholen, wenn wir nur das Vergnügen, die Aktivität suchen. Manch einer erträgt es gar nicht, allein zu sein; ist ständig unterwegs, um etwas zu finden, das er nur in sich selber finden kann.
Auch von Jesus wird berichtet, dass er selber immer wieder die Einsamkeit suchte und an einer Stelle auch seinen Jüngern den Rat gibt: „Kommt, nur ihr, für euch allein, an einen einsamen Ort und ruhet euch ein wenig aus.“ (Mk.6,31) Gerade von ihm hätten wir vielleicht etwas ganz anderes erwartet. Etwa dem christlichen Ideal zu folgen, das uns sagt, wir sollten rastlos und unermüdlich im Dienst für den Nächsten tätig sein. Doch er sagt uns: 'Kommt zur Ruhe.' In der Ruhe – früher gab es das schöne Wort „Muße“ - findest du zu dir selbst und zu Gott. In der Ferien- und Urlaubszeit hätten wir dazu eine Chance .
Es ist eine erstaunliche Erfahrung: Etwas Wichtiges und Wahres kann sich nur formen und entwickeln in Stunden, in denen wir bei uns selber sind. Im Alleinsein mit uns selbst sind wir nahe bei Gott. Unser Leben gestaltet sich wie der Pendelschlag einer Uhr zwischen Abgrenzung von anderen und der Suche nach Nähe; zwischen Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit; zwischen Ich und Du; zwischen Sehnsucht und Warten und Erfüllung.
Deshalb kommt alles darauf an, beide Phasen unseres Lebens zu kennen und keine zu vernachlässigen. Sonst besteht die Gefahr, auch in Stunden der Erholung, diese gar nicht mehr zu finden; auch in der Freizeit nur Opfer aller möglichen Angebote von außen zu werden und sich selber nicht zu finden, sondern zu verlieren.
Ein Theologe schreibt dazu: „Wenn wir ehrlich sind, so werden wir merken, dass wir vor diesen Augenblicken der Einsamkeit und der Leere immer wieder die größte Angst haben. Doch sonderbarer Weise sind es gerade diese Stunden der Stille, in denen die meisten Fragen unseres Lebens sich beantworten; und es sind die Momente der Sehnsucht, in denen wir fähig werden, ein ruhiges Glück, wie Gott es schenkt, in unser Leben aufzunehmen. Diese Zeiten sind die eigentlichen Segenszeiten.“
Einen schönen Urlaub wünscht
Thomas Kurth, Pfarrer in Hetzdorf


