Überzeugungen

„Sie ist eine überzeugte Christdemokratin.“, „Er ist ein überzeugter Sozialdemokrat.“, „Es ist unsere liberale Überzeugung.“… - Mir fällt auf, wie oft in diesem Wahljahr 2009 von politischen Überzeugungen und „Überzeugtheiten“ gesprochen wird. Viel mehr als in „normalen“ Zeiten – mitten in den Legislaturperioden.
Die Worte „Überzeugung“ und „Glaube“ erscheinen fast synonym, und das lässt mich aufhorchen.
 
Vielleicht fällt mir das vor allem aber als ehemals „gelernter“ DDR-Bürger auf. Es ist, als ob der Begriff „Überzeugung“ inzwischen – nach nun 20 Jahren – wieder „hoffähig“ geworden ist und wieder einen natürlichen schlichten Wortsinn zurückbekommen hat.
Ideologisch „Überzeugt sein“ war ja der nahezu unbedingte Anspruch und die Forderung der Staatsführung in DDR-Zeiten; möglichst tiefgefühlter kommunistischer Idealismus wurde theoretisch bei jedem Bürger vorausgesetzt. Auf der anderen Seite war „Überzeugung“ fast ein abfälliges Schimpfwort: „Der ist ein ganz Überzeugter.“ – das war selten als simple Feststellung gemeint, oder sogar bewundernd. Meist bedeutete es: „Das ist ein 150-Prozentiger, einer, der um seiner Karriere willen das sozialistische Lippenbekenntnis besonders gut gelernt hat, kurz: ein skrupelloser Heuchler!... mit dem Mäntelchen im Wind.“
In Sachen politisches Mitläufertum hatte es die DDR in der Tat zu einer unrühmlichen Meisterschaft gebracht, obwohl sie es gewiss nicht erfunden hat: Wohl überall und zu allen Zeiten hat es das gegeben.
Für mich eines der besten literarischen Verarbeitungen hat schon Gottfried Keller (1886) geliefert, der in einer seiner Erzählungen 2 Zwillingsbrüder aus reiner Berechnung in völlig verschiedene Parteien eintreten lässt, - so dass sie geschäftlich abgesichert sind, welche der Parteien auch immer an die Macht kommt.
 
„Überzeugung“ ist also durchaus ein belasteter Begriff.
Trotzdem – oder gerade deshalb (?)– gibt es ein Bedürfnis danach, regelrecht eine Sehnsucht: wir wollen vielleicht Politiker, die tief überzeugt sind – und das nicht nur von sich selbst, sondern von dem Konzept, von dem Programm, für das sie stehen.
Wir wollen glaubwürdige Idealisten, die ihre Meinungen nicht wechseln wie die Hemden. Wir wollen Leute, die uns überzeugen… vielleicht sogar Leute, die uns möglichst – bitteschön! – anstecken mit ihrer Überzeugung. Politiker spüren dieses Bedürfnis, - teilen es vielleicht auch (Oder ihre Berater sagen es ihnen), und so wird die „Überzeugung“ vor der Wahl zu einem „Kriterium“. Das alles hat sein Recht, finde ich.
 
Wie bei sehr vielen meiner Freunde und Bekannten, geht auch mein Blick nach den Personen, die sich da um Führungspositionen bewerben; auch ich wünsche mir authentische und glaubwürdige Frauen und Männer an der Macht. – Wie „linientreu“ sie einem Parteiprogramm ergeben sind, ist mir dabei aber eher zweitrangig.
 
Die grundlegenden Absichten und Ziele, die „programmatischen Bekenntnisse“ sind enorm wichtig – ohne Frage! : Wenn mich eine „Sache“ schon im Grundsatz nicht überzeugt, schafft es auch die Person nicht, die sie vertritt; umgekehrt kann ich eine „schwierige“ Person sehr wohl ertragen, wenn die „Sache“ aber für mich stimmt.
Trotzdem ist wohl am Ende der Blick auf die Person ausschlaggebend: An Personen: an dem, was sie konkret sagen und entscheiden und tun, kann ich ihre „Sache“ erkennen, zur Not auch ohne ihre „Überzeugung“ vorher beschworen bekommen zu haben. Und „Sachen“ oder Absichten werden erst wirklich deutlich, wenn bestimmte Personen mit ihnen verbunden sind und sie ins Werk setzen.
 
Vielleicht empfinde ich auf diese Weise, weil ich evangelischer Christ bin: Christlich ist es allemal, auf Personen zu achten und erst dann auf abstrakte „Sachen“. Als Christ habe ich schließlich Übung darin, mich an einer sehr konkreten Person zu orientieren: Jesus Christus und alles, was er gesagt und getan und vorgelebt hat, ist wichtiger als alle abstrakte Dogmatik und Ethik.
Nun meine ich nicht, dass Politiker wie „Messiasse“ angeschaut gehören. Auf keinen Fall! Aber ich finde es auch für die Politik bedenkenswert, dass gerade diesem Jesus Christus immer wieder konkrete Menschen wichtiger waren als die formalen Gesetze und als alle theoretischen Lehren. „Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.“, ist einer der schönsten Jesus-Sätze dazu. Ein anspruchsvoller, aber schöner Maßstab! Was Menschen brauchen und was ihnen hilft, kommt vor allen festgeschriebenen „ehernen“ Prinzipien.
Ich kann mit sehr verschiedenen politischen Überzeugungen gut umgehen, wenn ich etwas von diesem Geist in ihnen spüre. Und wiederum sind es zuerst konkrete Menschen, die mich so etwas überhaupt spüren lassen können: die Politiker selber.
Wenn ich einem „politisch überzeugten“ Menschen anmerke, dass sein Herz zuerst für Menschen schlägt, ist er für mich glaubwürdig.
 
Ein gesegnetes Wochenende und eine gute eigene Wahlentscheidung wünsche ich Ihnen!
Pfr. Bodo Winkler