Das Allerwichtigste

Er saß ganz alleine am Tisch im Restaurant des riesigen Einrichtungshauses. Eine leere Tasse und ein leerer Teller standen vor ihm. Er schaute all die fröhlichen Familien an, die um ihn herum waren. Wir setzten uns an einen Nebentisch und die traurigen Augen des alten Mannes trafen mich, so als wolle er sagen: „Setzt euch doch zu mir“. Aber ich nahm es nur flüchtig wahr, denn ich hatte andere Dinge im Kopf: die Größe des Schrankes, passende Farben für den Bettüberzug, gemütliches Licht für das neue Zimmer unseres Kindes in der fremden Stadt.
Wieder schauten mich verschämt diese Augen an. Ich dachte bei mir: „Vielleicht wartet der alte Mann auf seine Frau, die noch kommen wird“. Aber niemand kam. Er saß und schaute nur. Kann man so alleine sein? Oh ja, das kann man wohl. Der alte Mann brauchte kein neues Regal, keinen neuen Teppich. Er suchte hier, wo doch so viele Menschen zusammen waren, Gemeinschaft. Aber das konnte er hier nicht finden in einem Einrichtungshaus, in dem es ums Kaufen geht.
 
Kaufen kann man nur den Rahmen für ein schönes Wohnen. Die Füllung, die gute Atmosphäre, kommt durch Menschen, die in dieser Wohnung leben, in sie ein- und ausgehen.
Ich kann die traurigen Augen dieses Mannes nicht vergessen. Sie erinnern mich daran, wie reich ich doch bin, weil ich so viele Menschen habe, mit denen ich reden kann, die mich einladen und die gerne in unser Haus kommen.
Am letzten Sonntag war Erntedankfest und es ging um Dankbarkeit für die reiche Ernte.
An diesem Sonntag geht es in den Gottesdiensten in besonderer Weise um die Liebe Gottes, die in jedem Menschen wohnen will. Unser Herz ist, bildlich gesehen, wie eine Wohnung, die gefüllt sein kann mit Liebe und Wärme oder die leer, kalt und einsam ist.
„Vergesst nicht, wer Gott liebt, dass der auch seine Geschwister, seine Mitmenschen liebe.“ lesen wir im Johannesbrief.
Liebe ist das Allerwichtigste. Die guten Beziehungen zwischen uns Menschen machen unser Leben wirklich reich. Viel Zeit und Geld geben wir für den Rahmen unseres Lebens aus, aber an die Füllung denken wir oft zu wenig. Dabei ist das viel wichtiger und wir brauchen doch nur Ohren, die hören, ein paar gute Worte, Mitgefühl und manchmal den Mut, auch einem Fremden einfach ein paar Minuten zu schenken. Ich habe es im Einrichtungshaus versäumt, aber jeden Tag habe ich und haben auch Sie immer wieder eine neue Gelegenheit dazu. Gott sei Dank. Es wird draußen langsam kalt, umso nötiger sind gastfreundliche Wohnungen und warme Herzen.
 
Pfarrerin Ulrike Bohl