"Ihr seid doch verrückt!"
an einem Winterabend des Februar 1990 machte ich mich, wie so oft, auf den vertrauten Weg zu einem Gemeindebesuch in einem meiner damaligen Pfarrdörfer. Noch immer, wenn ich diese an der Grenze Polens verlaufende Straße erreichte, begannen die Gedanken zu wandern, zurück zu jenem Septembertag des Vorjahres, der dem beschaulichen Leben im Grenzland schlagartig ein Ende bereitet hatte. Ich sah sie wieder, die Uniformierten und Zivilisten, die plötzlich die Straße bevölkerten, mehrfach mein Auto stoppten, mit grober Stimme meinen Personalausweis verlangten. Als ob ich hier ein Fremder wäre. Dann knurrte jemand: „Sie können passieren!“
Bald erfuhr ich hinter vorgehaltener Hand: Man hatte sie gejagt in der Nacht zuvor, diese Auswärtigen, diese Sachsen, Thüringer, die gemeint hatten, hier gäbe es den passenden Weg, um sich unerlaubt zu entfernen, Ziel: Warschau, Botschaft der „BRD“. Ehrenamtliche Grenzhelfer im Jagdfieber, es soll Prämien gegeben haben.
In Gedanken versunken bemerkte ich sehr spät die aus dem Nebel hervortretende Gestalt, die mich aufgeregt heranwinkte: „Ich muss mit Ihnen reden!“ Wir kannten uns flüchtig. Ich bat ihn ins Auto und was nun kam, verblüffte mich: „Ihr seid doch verrückt“, schlug es mir entgegen, „Der gehört aufgehängt an die nächste Laterne!“ Ich versuchte zu erklären: „Der Runde Tisch ist unser Weg. Auf blutgetränktem Boden gibt es keine Zukunft. Und wer verlassen und in Todesangst an die Kirchentür klopft, bekommt Asyl – auch Ehepaar Honecker. Vergebung, wie Jesus sie uns gelehrt hat, kennt keine Ausnahmen.“
Pastor Holmer im brandenburgischen Lobetal hatte den kranken Erich Honecker mit seiner Frau unter den Schutz der Kirche genommen. Mein Gesprächspartner wollte das nicht verstehen. Wütend sprang der Mann auf, schlug die Autotür zu und verschwand im Nebel. Später erfuhr ich, dass er lange Jahre bis zum Schluss für die Staatssicherheit gearbeitet hatte.
20 Jahre nach der „Wende“ erinnere ich mich daran, welche Abgründe der menschlichen Seele sich in dieser Zeit der Krise, des Umbruchs und Neuanfangs aufgetan hatten. Wie viel Heilung ist nötig! Und Jesus rückt mir sehr nahe mit seinem Wort am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34).
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
Ihr Andreas Haerter, Superintendent


