„Ein sportliches Ziel“ - Am Reformationstag soll die Verfassung der Nordkirche stehen

Nordkirche
Schwerin (kiz). Für die äußere und innere Gestalt von evangelischer Kirche im Norden war das zurückliegende Jahr 2009 vor allem in der ersten Hälfte eine aufregende Zeit. Im Februar unterzeichneten die Kirchenleitungen Mecklenburgs, Nordelbiens und Pommerns einen Fusionsvertrag. Besonders spannend wurde es, als im Frühjahr die drei Synoden dazu votieren mussten.
 
Das war ein banges Abwarten damals bei den Synodentagungen“, erinnert sich die Juristin Elke Stoepker, die für die Pommersche Evangelische Kirche in der Arbeitsstelle des Verbandes der Ev.- luth. Kirchen in Norddeutschland tätig ist. „Wir haben eine Menge Kraft im zurückliegenden Jahr verbraucht“, zieht sie Bilanz. Denn es wurde nun der Verband der Kirchen gebildet und neue Rechtsstrukturen geschaffen.
 
Dass es zum Sommer dann, in der Öffentlichkeit zumindest, ruhiger um die Nordkirche wurde, erklärt Stoepkers mecklenburgische Kollegin in der Arbeitsstelle, die Pastorin Dorothea Strube, mit einer Pause, die durch die hohe emotionale Belastung der Beteiligten einfach nötig gewesen sei. Zudem hätten die Verhandlungsführer ja auch in ihren Landeskirchen reichlich Arbeit zu erledigen. Doch nach der Sommerpause seien die Arbeitsgruppen mit vollem Elan angelaufen und die Gemeinsame Kirchenleitung hat sich konstituiert.
 
Dabei fällt der Arbeitsstelle des Verbandes mit ihrem Büro in der Schweriner Heinrich-Mann-Straße die Aufgabe zu, die vielen Sitzungen vorzubereiten und den Überblick zu bewahren. Das gilt auch für den Transport der Beschlüsse von einer Ebene auf die anderen. Da ist die Steuerungsgruppe, die sich jeden Monat trifft und die Vorlagen für die Gemeinsame Kirchenleitung erstellt. Da sind die Arbeitsgruppen Finanzen, Ökumene, Diakonie, Öffentlichkeit, Dienste und Werke, Verwaltung, Theologie und Verfassung sowie ihre Untergruppen.
 
Während die meisten der Arbeitsgruppen etwas abseits der Öffentlichkeit ihre Arbeit leisten, stehen zur Zeit die Arbeitsgruppen Theologie und Verfassung im Rampenlicht. Denn bis zum Entwurf der Verfassung der neuen gemeinsamen Kirche muss geklärt werden, wie die unterschiedlichen theologischen Traditionen zusammengeführt werden können. Zwar sind alle drei Kirchen lutherisch, doch die Geschichte der pommerschen Kirche als preußische Provinzkirche hat deutliche Spuren hinterlassen: So möchten die Pommern gern, dass die Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen zu den grundlegenden Glaubenszeugnissen der gemeinsamen Kirche gehören wird. Zudem möchten sie gern weiterhin Mitglied in der Union Evangelischer Kirchen bleiben, auch wenn die Nordkirche dann zur Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche gehört.
 
Ungeklärt ist auch noch das Verhältnis von ordiniertem Pfarramt und Gemeinderat. Konsens ist, dass in leitenden Gremien Ehrenamtliche in der Mehrheit sind. Allerdings muss die Leitung der Gemeinde durch Kirchgemeinderat und Pastoren genau bestimmt werden. Während in Nordelbien ein Laie den Vorsitz hat, sind es in Pommern und Mecklenburg zumeist Pastoren.
 
„Hier treffen wir auf einen innernordelbischen Konflikt“, meint Elke Stoepker. Denn Nordelbien ist hier, bedingt durch die bei der Gründung stark wirkenden Ideen der 68-Bewegung, die große Ausnahme in der lutherischen Welt.
 
Nicht umsonst hatte es dazu einen Studientag im Dezember in Lübeck gegeben. Die dort geäußerten Meinungsbeiträge zum Verhältnis von Amt und Gemeinde sollen nun einfließen in die Beratungen. So ist für dieses Wochenende eine Klausurtagung auf dem Zingsthof vorgesehen, um weiter an den Formulierungen für den Verfassungsentwurf zu feilen. Der Entwurf soll bis zum Reformationstag stehen – „ein sportliches Ziel“, formuliert Elke Stoepker. Dazu werden in den nächsten Monaten auch die beiden Kirchenbünde, die landeskirchlichen Verwaltungsstellen und die Gremien der Dienste und Werke konsultiert. Danach wird der Entwurf zur Diskussion in die kirchliche Öffentlichkeit gegeben.
 
Nicht nur auf den obersten Leitungsebenen ist man miteinander im Gespräch, betonen Elke Stoepker und Dorothea Strube. Das für 2009 von den Kirchenleitungen ausgerufene „Jahr der Begegnungen“, das in dieses neue Jahr verlängert wurde, hat nach ihren Aussagen eine gute Resonanz erfahren, „auch wenn wir hier in der Arbeitsstelle nicht über jede Begegnung von Gemeinden oder Konventen unterrichtet werden“. Gemeldet wurde zum Beispiel, dass dem Aufruf zum Kanzeltausch am 8. November 33 Gemeinden gefolgt sind. Diese Begegnungen sollen nun erweitert werden, zum Beispiel auf kulturelle Aktionen. So werden Chöre ermuntert, „sich gegenseitig über die Schulter zu gucken“. Allerdings, so sagen beide Mitarbeiterinnen der Arbeitsstelle, haben sie im vergangenen Jahr auch hautnah mitbekommen, wie groß die Entfernungen in der neuen Kirche sein werden. Diejenigen, die über einen Haushalt einer Nordkirche nachdenken, sind gut beraten, wenn sie viel Fahrgeld und Fahrzeit einplanen.
 
Tilman Baier
Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung
Ausgabe vom 10.1.2010