Sehnsuchtszeit
Die einen sagen: “Ich muss schon auf genug verzichten, da brauche ich nicht noch eine Fastenzeit.“ Andere haben lange Mangelzeiten im Krieg und in der Nachkriegszeit erlebt und wollen daran nicht erinnert werden. Gründe für das Fasten sind häufig die Pfunde auf den Hüften oder der Versuch auf Alkohol, Kaffee und Süßigkeiten zu verzichten, damit man weiß, ob es noch ohne diese Dinge geht. Selbst manche Fernseher sollen schweigen, um am Abend etwas anderes zu tun, als sich nur von der Flimmerkiste unterhalten zu lassen.
„Die kleinen und großen Süchte aufspüren, sie wieder in Sehnsüchte verwandeln.“ Diesen Satz las ich und dachte, das wäre es doch wert bei allem Verzicht zu bedenken.
Sucht ist etwas Schlechtes, weil sie uns die Freiheit nimmt und Leben einengt. Aber Sehnsucht zu haben, noch zu träumen, innerlich in Bewegung zu kommen, das ist Lebendigkeit und Weite. Ich denke, im Moment wissen wir alle wieder was Sehnsucht ist. Es ist die Sehnsucht nach dem Frühling, die von Tag zu Tag wächst. Unsere Natur schläft noch unter einer dicken Schneedecke. Wie schön wird es endlich wieder sein, wenn die Erde warm ist und das Leben neu aus ihrem Schoß hervor sprießt.
Und so ist es mit unseren Sehnsüchten im Leben. Sie lassen Verstecktes und Zugedecktes aus unserem Inneren hervorbrechen. Vielleicht sind wir erstaunt, was da alles an Gutem und Kreativem schlummert.
„Sieben Wochen anders leben.“ Das ist keine Einladung zu einem asketischen, traurigen Leben, sondern eine Möglichkeit, unsere Sinne zu schärfen. Vielleicht ist dabei auch die Sehnsucht nach Gott neu in uns zu entdecken: Die Sehnsucht nach tiefer Geborgenheit und Ruhe, die wir bei Gott finden. Die Sehnsucht nach einem Leben mit weniger Sorgen, aber voller Hoffnung und Osterfreude. Denn mit Ostern enden die sieben Wochen der Passionszeit. Und dann feiern wir das Fest der Auferstehung und des Lebens.
Ulrike Bohl, Zerrenthin


