„Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“

Liebe Leserinnen und Leser,
kürzlich besuchte ich den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Zwischen den Grabstellen von Schriftstellern, Baumeistern und Künstlern umherwandernd, fiel mein Blick auf einen schlichten Grabstein. Eingelassen in den Stein war in Bronze ein kleines Porträt, darunter ein Name: Johannes Rau. Überrascht las ich weiter: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Mehr gab es nicht zu lesen. Nur ein Satz war dem einst höchsten Würdenträger der Bundesrepublik so wichtig, dass er ihn auf seinem Grabstein haben wollte. Wer das Grab des Bundespräsidenten besucht, sollte nicht voll Ehrfurcht an dessen Verdienste, seine Titel oder seine einstige Stellung im Staate denken, sondern darauf aufmerksam werden: Das Leben dieses Menschen hatte sein Zentrum im Vertrauen auf Jesus Christus. Die Inschrift verweist auf diesen Jesus. Auf den kommt es an.
 
In der Passionszeit bedenken wir wieder den Weg Jesu zum Kreuz. Wir denken nach über das Leben und den Tod. Lässt sich mit dem Gedanken an den Tod so etwas wie Sinn verbinden? Im Gespräch versuchte Jesus seinen Jüngern damals eine Ahnung von dem Sinn seines bevorstehenden Todes zu vermitteln: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel-9- Frucht.“ (Johannes 12,24).
 
Heute, viele Jahrhunderte später, bleiben Trauer und Erschrecken über das damalige Geschehen. Wir sehen aber auch die Frucht, die daraus erwachsen ist. Wie Viele konnten auf den Gekreuzigten schauen, konnten mitten in ihrem eigenen Leid den verborgenen Sinn des Sterbens Jesu entdecken! Wie Viele fanden Frieden und Trost. Jesus war ihnen nicht nur vorausgegangen, er hatte ihnen auch eine unendliche Bürde abgenommen: Die Last eines Lebens mit seinen unverzeihlichen Momenten des Versagens und Schuldigwerdens.
 
Johannes Rau ermutigt uns mit seiner Grabinschrift, nicht stehen zu bleiben, dort wo wir jetzt sind. Vielleicht werden wir eines Tages wie er erleichtert auf unser Leben zurückblicken und bekennen können: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“.
 
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag,
Ihr Andreas Haerter, Superintendent