Wer ist der liebe Gott?

Wenn Ihr Kind oder Enkelkind diese Frage stellt, was antworten Sie darauf? Wer ist Gott? Manchem werden Kunstwerke einfallen, auf denen Gott wie ein alter Mann dargestellt ist. Oder es fällt einem der Satz ein „Der liebe Gott sieht alles.“ Ein dritter wird sagen: die Frage ist unwichtig, ich glaube sowieso nicht an Gott, Gott ist eine Illusion.
Wer ist Gott? Der Urheber des Universums? Also allmächtig und unvorstellbar? Oder ist Gott in mir und in jedem Menschen?
 
Vielleicht sollte man genauer fragen: Wer ist mein Gott? Martin Luther hat gesagt: Gott ist für mich das, woran mein Herz hängt. Der „Haken“, an dem mein Herz hängt, ist mir das Wichtigste im Leben. Jeder Mensch hat etwas, an dem sein Herz hängt. Für den einen ist es die Familie, für den anderen der Fußballverein, das schnelle Auto, ein hübsches Heim. Dafür arbeite ich, dafür lebe ich – und solange ich anderen keinen Schaden zufüge – ist es auch ein Geschenk, dass wir uns für etwas begeistern und uns für etwas einsetzen können.
 
Was passiert aber, wenn ich meinen Traum von einer Familie, einem schnellen Auto, einem bunten Garten nicht (mehr) erfüllen kann? Was passiert dann mit meinem Herzen? Bleibt es nun in der Luft hängen? Sucht das Herz sich etwas Neues, an das es sich hängen kann? Und wo findet es einen „Haken“, der sich lohnt? Welcher Haken hält, auch wenn alles andere nicht mehr da ist? Diese Fragen erfordern sehr viel Ehrlichkeit, wenn ich sie in aller Tiefe beantworten möchte.
 
Der Haken, an den ich mein Herz als Christin hänge, heißt Gott. Gott als Urheber der Welt, als Bruder in Jesus Christus und als Tröster, der mich ermutigt. Gott, der nicht unvorstellbar weit weg ist, sondern mein Herz berührt; Gott, der mich liebt und schätzt; Gott, der mir hilft, auch anderen liebevoll zu begegnen; Gott, der mir meine Schuld vergibt, sodass ich auch anderen vergeben kann. An Gott kann ich mein Herz hängen und mich über alles andere freuen: über meine Familie, wenn mein Fußballverein gewinnt und es im Garten wächst und blüht. Aber Gott ist treu bei mir und hält mich, auch wenn das andere nicht (mehr) da ist.
Es erfordert Mut, sich diesen Haken für sein Herz zu suchen – und es lohnt sich!
 
Pfarrerin Helga Warnke