An der Hand eines Starken

Gespenstische Stille in Pasewalks Straßen. Kein Auto ist zu sehen. Keine Menschen auf der Straße. Und das zur besten Abendzeit? Was ist passiert? Kein Grund zur Sorge. Es ist nur Fußballzeit und alle fiebern mit, wenn Deutschlands Helden auf dem Rasen laufen. Nur ab und zu hört man unterdrückte Schreie aus den offenen Fenstern der Häuser. Der ganz große Jubel bleibt aus – keine „Tooor-Schreie“, keine Freudengesänge…Als das Spiel abgepfiffen wird, ist die Stimmung gedrückt. Keine hupenden Autos, keine nervenden Vuvuzelas. Die Enttäuschung ist groß.
Es ist für mich ein echtes Phänomen, wenn in Deutschland die Hälfte der Bevölkerung vom Kleinkind bis zur Oma vor dem Bildschirm sitzt und mitfiebert, wenn die deutsche Mannschaft spielt. Dahinter entdecke ich bei uns eine große Sehnsucht. Ich möchte Sieger sein, möchte endlich auf der Siegerseite stehen. Im Alltag sieht das oft ganz anders aus. Da läuft manches schief. Es gibt Niederlagen und manchmal fühle ich mich als Verlierer. Da suche ich mir dann meine Helden und sonne mich in ihrem Glanz. Von meinen Sorgen und Nöten lenkt es mich auch noch ab. Dann heißt es eben: „Wir sind Weltmeister! Wir sind Papst! Wir sind Lena! Wir sind…“
Und wenn es nicht geklappt hat wie beim Fußballspiel gegen Spanien, dann sind es ja die da auf dem Rasen, die verloren haben.
 
Nichts gegen die Begeisterung am Fußball, aber muss ich mir wirklich Helden suchen, um mal stark zu sein? Im Schulgottesdienst der Evangelischen Grundschule haben wir es gerade gesungen: „An der Hand eines Starken zu gehen …An der Hand unseres Gottes zu gehen, das ist schön, das macht stark. An der Hand unseres Gottes zu gehen, das gibt Mut und Sicherheit.“ Ich muss mich ja gar nicht durch meine Helden zum Sieg träumen. Ich kann mit meinen Sorgen und Fragen, mit meinen Erfolgen und Niederlagen durchs Leben gehen, weil da einer mit mir geht. Gott macht mich stark, wenn ich ihm vertraue, und er lässt mich nicht allein. Ich wünsche ihnen, dass sie „an der Hand eines Starken“ durch ihr Leben gehen und sich in Niederlagen und Siegen gehalten wissen.
 
Andreas Eibich