Damaskuserlebnis

Ulrike stand aufgeregt vor der Tür: „Der Nachbarhund hat in unserem Garten ein Baby-Kaninchen angefallen. Gott sei Dank lebt es noch – das arme Wesen. Ich konnte es retten und würde es ja auch selbst wieder aufpäppeln, aber wir sind gerade aus dem Urlaub zurück und haben nun jede Menge Arbeit. Du bist doch tierlieb. Möchtest du dich nicht darum kümmern?“
Kati, das Kaninchen, wurde also Mitbewohnerin auf Zeit, bis sie wieder ausgewildert werden konnte, und ich hatte einige Erklärungen zu leisten. Ich musste Kati klarmachen, dass meine beiden Hunde ihr nicht an den Pelz wollen. Und meinen beiden musste ich irgendwie verkaufen, dass Kati jetzt dazugehört. Alle drei haben mich und sich nach kurzer Zeit verstanden.
Die ersten 24 Stunden fanden hinter verschlossenen Türen statt. Kati bekam alle paar Stunden ein Fläschchen und Bosch und Ben, meine beiden Hunde, schnüffelten aufgeregt an meinen Händen, wenn ich zu ihnen kam, und fragten sich wahrscheinlich, wann ich das Festmahl endlich rausrücken würde. Die erste Begegnung lief wie erwartet: Bosch und Ben belauerten den Käfig mit Kati und sie flüchtete gleich in ihr Häuschen. Nun haben Hunde ein sehr feines Gespür für die Emotionen von Menschen, und sehr schnell wurde beiden klar, dass da keineswegs eine Mahlzeit im Käfig sitzt, sondern ein Tier, das mir am Herzen lag. Natürlich blieb die Neugier: Wer ist das? Und was passiert da? Die Fütterung von Kati ließ ich beide fortan beobachten.
Ein weiterer Tag verging, da wurde auch Kati neugierig. Sie traute sich aus ihrem Häuschen heraus, fraß etwas Salat und riskierte auch einen Blick auf die Hunde.
 
Uralte Instinkte lassen sich nicht in kurzer Zeit überschreiben – oder doch? Die Hunde hatten verstanden, dass es eine Verbindung zu diesem Kaninchen gibt und haben es als Teil der Gemeinschaft akzeptiert. Das Kaninchen hat verstanden, dass es eine Verbindung zu den Hunden hat und keine Angst zu haben braucht. Damit sind Bosch und Ben nicht vom Saulus zum Paulus und am Ende Vegetarier geworden. Aber die Erkenntnis, zu einer gemeinsamen Gruppe zu gehören, war stärker als jeder Instinkt.
 
So stark wie ein Instinkt muss die Überzeugung des Paulus vor Damaskus gewesen sein als er die Christen verfolgte, regelrecht frisst – Christenfresser Saulus. Vollkommen davon überzeugt, Gottes Werk zu tun, hatte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den neuen Glauben auszurotten. Und er hatte dabei ganze Arbeit geleistet. Bis Damaskus. Bis ihm Christus selbst begegnete. Jesus Christus war urplötzlich da. Und Paulus verstand, dass er nicht nur dessen Anhänger, sondern ihn selbst verfolgt hatte. Der Eifer ist Paulus geblieben, aber er setzte ihn fortan anders ein: Nicht mehr um zu zerstören, sondern um zu bauen. Auf den Grund, den niemand anders legen kann als den, der gelegt ist: Jesus Christus.
Gemeinschaft mit Jesus Christus – seit Damaskus weiß Paulus sich als ein Teil davon.
 
Hans-M. Kischkewitz,
Pfarrer in Boock