Jesus und die Vorschriften
 
Trinitatis 3.6.2007
 
Am kommenden Mittwoch beginnt nicht nur der G8-Gipfel in Heiligendamm, sondern auch der 31. Deutsche Evangelische Kirchentag in Köln.
 
Ich erinnere mich gut an eine kleine Randgeschichte vom letzten Kirchentag 2005 in Hannover:
 
Vier Gefangene aus der Lehrküche der Justizvollzugsanstalt wollten zum Kirchentagsauftakt, dem Abend der Begegnung, bei dem ja ein paar hunderttausend Leute die Innenstadt von Hannover bevölkert haben – also die vier Gefangenen wollten dort Gulaschsuppe und Würstchen verkaufen. Unter strenger Aufsicht natürlich. Der Anstaltsleiter war begeistert, hatte die Sache aber so verstanden, dass die Insassen kochen und andere Leute: Kirchentagsmitarbeiter verkaufen. Als das Missverständnis heraus kam, war es zu spät, noch Anträge auf Ausgang für die Insassen zu stellen. Die kochten aber trotzdem fleißig weiter und die Hannoversche Allgemeine würdigte das immerhin mit dem Urteil: „Die Insassen zeigten trotz der Enttäuschung echte Größe.“ Recht hatte die Zeitung!
 
Ich kenne die Antragsvorschriften für den Strafvollzug nicht, - will deshalb auch gar nicht mit dem Anstaltsleiter hadern…. Aber bei der Begründung habe ich aufgehorcht: „Als dass Missverständnis heraus kam, war es zu spät, noch Anträge auf Ausgang für die Insassen zu stellen.“ - Das ist doch schade! Wenn es keine anderen Bedenken gegeben hat als dass eine Antragsfrist nicht eingehalten werden konnte! Wäre da nicht eine spontane unbürokratische Entscheidung angesagt gewesen? Aber vielleicht fehlt ja eine Vorschrift über unbürokratische Ermessensspielräume?! Wenn schon in einer relativ harmlosen Angelegenheit am Ende alles an einer Antragsfrist hängt, ist es bedenklich: Als ob das nun ein Einfallstor für Chaos und Anarchie gewesen wäre!
Nun: solche Geschichten kennt gewiß jeder. Sie ist auch nicht neu, die Gratwanderung zwischen heilsamen Ordnungs- und Sicherheitsvorschriften und aber Vorschriftenhörigkeit und Überregulierung auf der anderen Seite.
 
Schon im alten Griechenland waren es die Sophisten, die gegen allerhand Konvention und Tradition aufbegehrten und das Vernünftige und Natürliche an die Stelle des Künstlichen und Gemachten setzen wollten. Im römischen Reich war es zum Beispiel Cicero, der von „humanitas“ zu sprechen begann und damit die Strenge und Härte einer stoischen Pflichtmoral abzumildern versuchte…
 
Unübertroffen aber ist bis heute die Überlieferung von Jesus:
Daß Gesetz und Ordnung sein müssen, hat er stets anerkannt: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Aber Jesus wendet sich dagegen, dass das Gesetz zum Selbstzweck und zum Kult wird. Am deutlichsten und schönsten mit seinen Heilungen am Sabbat, dem strengen jüdischen Feiertag. Viele hochexakte Vorschriften regeln genau, was an diesem heiligen Tag alles verboten und erlaubt ist. Und als seine Jünger auf ihrer Wanderung am Sabbat hungrig Ähren vom Halm raufen und deshalb angefeindet werden, da sagt er seinen klaren Satz: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“
 
Ein solcher Geist sollte sich doch in jeder Vorschrift und in jedem Gesetz finden lassen: schon, wie sie gemacht ist und erst recht, wie sie gehandhabt wird! Stellen Sie sich vor: durch ein amtsübliches Schalterfenster wird Ihnen plötzlich eine menschliche Hand gereicht! – Zum Glück gibt es das ja auch gar nicht so selten. Freundlichkeit und guten Willen braucht es dazu, und manchmal auch Mut und Kraft..
 
Einen gesegneten Sonntag und eine freundliche Woche!
Bodo Winkler (Soldatenseelsorger)