100 und 1 Grund, um wieder zu singen
 
Sonntag Kantate 6.5.2007
 
Liebe Leserin, lieber Leser,
singen Sie eigentlich – gelegentlich? Das Singen wird von einigen ganz hoch gehalten, aber für viele ist es, so scheint es, unwichtig. Wer singt denn heute noch? Wer kennt die schönen alten Volkslieder, die Wanderlieder, Küchenlieder, Kirchenlieder?
 
Über das Singen gäbe es so viel zu sagen und es gibt 100 und einen Grund, endlich wieder zu singen: Singen macht Spaß, hebt die gute Laune, macht gesund, stärkt die Lungen, macht klug, erleichtert, fördert die Gemeinschaft … und: Wer singt, betet doppelt!
 
Vor Jahren fiel mir ein kleines Büchlein in die Hände: Der Liederbaum. Darin fanden sich einige Volkslieder und Kirchenlieder. Die meisten kannte ich. Da waren fröhliche dabei, aber auch ernste, ja traurige. Und dieses Büchlein hatte ein langes Vorwort.
 
Darin erzählte der Autor, wie dieses Büchlein entstanden ist. Durch verschiedene Menschen und Erlebnisse wurde er dahin geführt, ein System zu entwickeln. Dieses System basiert, kurz gesagt, auf der These, dass wir Menschen uns aus jeder Gemütslage durch Singen „befreien“ können. Singen uns kann z.B. aus der Wut heraushelfen. Natürlich nicht, indem wir gleich lustige Lieder trällern – das ist eher kontraproduktiv, sondern indem wir erst ein eher trauriges(Es waren zwei Königskinder), dann vielleicht ein freches Lied (Der Kuckuck und der Esel) singen und schließlich ein Loblied (Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren). Ich fand und finde diese Idee sehr schön, merke ich doch in meinem Leben und in meiner Arbeit, wie wichtig und wohltuend das Singen sein kann. Kürzlich saß ich am Bett einer schwerkranken Frau. Zu Reden gab es nichts mehr, also summte ich das Lied: „So nimm denn meine Hände und führe mich“. Dann sang ich es leise. Es tat ihr gut, das war zu merken. Plötzlich sang die Frau im Nachbarbett mit leiser, brüchiger Stimme mit – sich vortastend wie in ehemals vertrautes Land. Dann sprach sie es mit immer kräftiger werdender Stimme: „Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit – da nimm mich mit!“ Jedes Wort betonte sie. Es klang wie ein Gebet. Ich war stark berührt. – Dieses Lied, geschrieben in großer Not, ist ein Gebet, das schon viele Menschen in Not und Trauer begleitet hat. So begleiten uns die verschiedensten Lieder: Kinder- und Kirchenlieder, softe, hippe oder rockige Songs. Sie rufen Erinnerungen wach oder rühren unsere Seele an, reißen uns mit oder verführen uns zum Träumen – mit ihren Melodien oder ihren Texten. Mit Liedern können wir also uns selbst und einander eine Freude machen (und das nicht nur zur Weihnachtszeit). Ich könnte noch viel mehr über das Singen sinnieren, doch zum Schluss nur noch dies: Lasst uns mit unseren Liedern Gott loben, hat er uns doch die „musica“ geschenkt. Und es ist ein so wundervolles Geschenk – zumal wir zum Singen unser Instrument immer dabei haben: unsere Stimme. Sie können nicht singen? Dann brummen Sie vielleicht? Vor allem aber lauschen Sie, lauschen Sie auf die Musik um Sie herum und in Ihrem Innern!
 
Ich wünsche Ihnen ein mit Liedern angereichertes Wochenende
Ihre Dorothea Sattler
Klinikseelsorgerin
Asklepios Klinik Pasewalk