Interpretation der "Kreuztragung" von Raffael

"Kreuztragung" von Raffael
Bei dem Altargemälde, dem Hauptstück des Altars, handelt es sich um eine von dem Berliner Historienmaler Georg Friedrich Bolte (*1814, †1877) in Öl auf Leinwand geschaffene Kopie der „Lo Spasimo die Sicilia“ genannten, berühmten „Kreuztragung Christi“ von Raffael (*1483, †1520). Das Original befindet sich im Madrider Prado-Museum und ist vermutlich 1517 unter dem Einfluss von Albrecht Dürer und Martin Schongauer entstanden. Als Vorlage diente Bolte eine damals wie heute im Raffael-Saal des Schlosses Sanssouci hängende genaue, ältere Kopie des Gemäldes.
 
Das Bild wird bestimmt von drei Gruppen mit jeweils fünf Personen: den Vertretern der Juden als die religiösen Ankläger Jesu (oben rechts), den trauernden Frauen (vorne rechts) und den Römern als die politisch ausführende Gewalt (links).
 
Vorne, auf der Mitte des Weges nach Golgatha, das im Hintergrund sichtbar wird, ist Jesus unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen. Er versucht, sich wieder aufzurichten und stützt sich mit der linken Hand auf einen Stein. Sein Blick ist ängstlich auf Maria, seine Mutter, gerichtet, die beide Arme nach ihm ausstreckt, um ihm Hilfe zu leisten. Maria wird von Johannes, der Jesus am nächsten steht, sowie von Maria Magdalena und Maria Salome gestützt, während Maria Kleophas oberhalb dieser Gruppe mit ineinander gelegten Händen andächtig innehält. (Frauen unter dem Kreuz: vgl. Joh. 19,25; Mk. 15,40)
Im Gegensatz zu dieser Frauengruppe geht von der Bewegung des Simon von Kyrene Tatkraft und Dynamik aus. Mit großer Anstrengung versucht er, Jesus das Kreuz von hinten abzunehmen. Gleichzeitig mahnt die Gruppe der römischen Wächter ebenso bestimmt zum Weitergehen; einer von ihnen holt bereits bedrohlich mit dem Speer aus; der andere, der Henker in ärmellosem Hemd und kurzer Hose, zerrt mit dem Seil an Jesu Hand. Ihr Anführer auf dem Pferd, der sich mit dem Kopf nach Golgatha dreht, schwenkt die rote Fahne Roms, während ein weiterer Soldat mit Schild und Lanze zur Eile drängt, um den Befehl auszuführen, den der Hauptmann (auf dem weißen Pferd) in voller Rüstung erteilt hat. Dieser folgt zusammen mit dem Hohenpriester, der die Gruppe anführt (schwarzes Pferd) und einer Reihe von Soldaten, die aus dem Jerusalemer Tor kommen, dem Zug. Im Hintergrund wird der Weg sichtbar, auf dem Leute die Verbrecher zur Schädelstätte treiben.
 
Beachtlich ist der helle Horizont, der sich hinter dem Kreuzigungsort auftut. Er symbolisiert den Übergang in den Himmel als eine Vorahnung auf die Auferstehung. Genauso ist das griechische A- und Ω- Zeichen (Anfang und Ende) auf der roten Fahne zu deuten: die irdische Gewalt wird nicht das letzte Wort haben, sondern Christus, der der Anfang und das Ende ist. (Apk. 1,8.17; 22,13)
 
Raffael stellt Simon von Kyrene, der laut biblischer Aussage der Synoptiker (Mt. 27,32; Mk. 15,21; Lk. 23,26) von den Römern gezwungen wird, das Kreuz Jesu zu tragen, als den eigentlichen Akteur dar, sodass die Römer nur noch scheinbar die Szene beherrschen. Das Besondere dieses Bildes liegt in dem Zusammenwirken von Passion und Triumph und ist das eigentlich Neue in dieser Darstellung. In der Gestalt des Simon verknüpft Raffael in anschaulicher Weise das Leiden Christi mit dem Sieg über den Tod. Das Bild stellt den vorweg genommenen Sieg Christi dar.
 
Ansonsten folgt Raffael dem klassischen Bewegungsfaden der Passionsdarstellungen: die Figur der Maria Kleophas verkörpert das Moment der contemplatio (geistige Betrachtung); in der Haltung der Gottesmutter ist das der compassio (Mitleiden) zu erkennen und in der Person des Simon die imitatio Christi (Nachahmung).
Der Aufbau verdeutlicht eindringlich das verzweifelte Schicksal Christi im Vordergrund, die unabwendbare Vollstreckung des Todesurteils in der Ferne, aber auch die Erahnung eines Neuanfanges hinter dem Horizont.